Skitouren in Afrika vom 11.3.-25.03.2006

Skitourenwoche im Hohen Atlas

Nicht schlecht staunte das Personal beim Einchecken zum Flug nach Casablanca, als die Tourengruppe, aus der Alpenvereinssektion Gangkofen, neben Ihren schweren Rucksäcken auch noch 8 Paar Ski als Sperrgebäck mit aufgab. Und die Frage war immer die Gleiche. Wo gibt es denn da Schnee? Nur wenige wissen, dass ein mächtiger Gebirgsstock den nördlichen Teil des schwarzen Kontinentes durchzieht. Von Tunesien über Algerien und durch ganz Marokko zieht sich auf über 2400 Km dieser Gebirgsstock mit Hunderten von Gipfeln mit über 3000 mtr und 12 Gipfel mit über 4000 mtr. Der Atlas unterteilt sich in 3 Massive den "Mittleren Atlas" den "Anti-Atlas" und den "Hohen Atlas". Zugleich gilt er als Klimascheide mit Regen und üppiger Vegetation auf der NW-Seite und extremem Trockenklima (Sahara) auf der SO-Seite. Das Ziel der Skitourengruppe aus der Alpenvereinssek-tion Gangkofen, unter der Leitung von Max Altmannshofer, war der Hohe Atlas.
Nachdem man in der Heimat dem Schneechaos gerade noch entkommen war, gab es nach einem 3h Flug erst einmal einen Temperaturschock in Casablanca bei + 25C. Sofort ging es mit dem Orientexpress von Casa, wie die Bewohner die Stadt nennen, in das 240 Km entfernte Marrakesch. Die ersten Eindrücke während der 3-stündigen Zugfahrt waren großartig. Alles stand in voller Blüte und das Land war grün, wie es selbst die Einheimischen nur selten erleben. Der Grund war der regenreiche Winter è wir kombinierten: "viel Schnee in den Bergen?!"

Zugfahrt nach Marrakesch

In Marrakesch angekommen, stürzten wir uns ins Gewühl der 400.000 Einwohner zählenden Stadt, welche auf 400 mtr über den Meer und am Rande des Hohen Atlas liegt. "Djemaa el Fna" heißt der Platz in der Medina, auf dem sich scheinbar das ganze Leben abspielt. Tausende von Menschen sind hier versammelt um kleine Theatergruppen, Spieler, Schlangenbeschwörer, Musikgruppen und Verkaufstände. In den engen Gassen wird gehandelt und gefeilscht um jeden Dirham (DH), die Landeswährung von Marokko. Schnell ist uns klar, warum Marrakesch als eine der schönsten orientalischen Städte gilt und allein diese eine Reise wert ist. Wir bleiben noch einen Tag, besichtigen verschiene Souks (Gassen mit verschiedenen Handwer-ken), wobei uns die Gasse der Gerber am intensivsten in Erinnerung blieb, besichtigten die schönste Koranschule von Marokko, wunderschöne Parks und die 16 Km umfassende Stadtmauer mit einem ersten Blick auf unser Ziel, die höchsten Berge des Hohen Atlas.

Stadtmauer von Marrakesch, im Hintergrund der 4167 mtr. hohe Toubkal

Am 3. Tag morgens holte uns Hassan, der Fahrer unseres gemieteten Minibusses ab, und wir fuhren in das 60 Km entfernte und auf 1.740 mtr. gelegene Bergdorf Imlil. Wieder ist Handeln angesagt, denn wir benötigten 4 Maultiere, um unsere Ausrüstung bis zur Schneegrenze auf 2.300 mtr zu befördern und 8 Träger, um es weiter auf die 3.200 mtr hoch gelegene Toubkal Hütte zu tragen. In den Alpen würden wir unser Material selber tragen, weil aber dies die einzige Einnahmequelle für die Bergbe-wohner ist, schließen wir uns der Gepflogenheit des Landes an. Für die Tragetiere (Mulis oder Esel) gibt es ei-nen festen Tarif von 100 DH = 9,5 / Tag mit Treiber, ein Träger verdient die Hälfte. Nach einem 5h-Aufstieg erreichten wir gegen Abend die Hütte des Alpenvereins Casablanca, wo uns Mohamed, der Hüttenwirt, mit einen freundlichen Lächeln empfing. Couscous und Tagine sind die Nationalgerichte, die von den Berbern für uns zubereitet wurden und uns die nötige Kraft für die Besteigung der über 4000 mtr. hohen Gipfel geben sollte. Nach einer kalten Nacht machten wir uns am Morgen bei -10C auf den Weg zum Sattel Tizi n`Ouanougane, welchen wir nach 2h erreichten. Vom Sattel aus bekamen wir zum ersten Mal einen Blick nach Süden in die Sahara. Über einen Felsgrat und einer schneebedeckten Flanke erreichten wir nach weiteren 2h den Gipfel des Timesguida 4089 m. Wolkenloser Himmel, angenehmste Temperaturen. In der klaren Luft ergaben sich Sicht-weiten von 250 Km bis zum Atlantik auf der einen Seite, und 250 Km in die Sahara auf der anderen Seite. Wir kamen uns vor wie im Traum. Nach einer kurzen Abfahrt von 200 Hm konnten wir noch mit den Skiern den Ras N`Ouanoukrim 4.083m erklimmen. Über eine sehr steile enge Rinne (45) ging es zuerst sehr vorsichtig, seitwärts abrutschend und dann über einen gewaltigen Hang, zuerst im Pulverschnee und dann im Afrikafirn zur Hütte zurück.

Abfahrt vom Ras N`Ouanoukrim

Am zweiten Tag wollten wir den höchsten Gipfel des Hohen Atlas und auch Nordafrikas, den Djebel Toubkal, bezwingen. Zuerst musste der sehr steile, etwa 300 Hm hohe Hüttenhang überwunden werden. Dabei gingen die meisten mit Steigeisen in dem sehr harten Schnee. Da fast alle Bergsteiger immer auf den höchsten Gipfel der Gebirgsgruppe wollen, waren wir an diesem Tag nicht alleine unterwegs. Nach 2 h erreichten wir das Skidepot und nach einer weiteren Stunde über einen mäßig schwierigen Felsgrat den höchsten Punkt. Wir konnten noch über 1h allein den gewaltigen Rundblick genießen, bevor die ersten Verfolger kamen.

Oben links: Simon Kramer, Christa Baumann, Rainer Grünewald und Helmut Hackl Unten links: Tourenleiter Max Altmannshofer, Sabine Wipfinger, Rudi Vogl und Reiseleiterin Gudrun Coulon.
Nach einer gewaltigen Abfahrt bis zur Hütte und voller Tatendrang entschlossen wir uns noch auf den gegenüberliegenden Berg zu gehen. Zuerst ging es durch eine enge Schlucht und dann auf einem immer steiler werdenden Hang zu einer Scharte. Per Steigeisen über eine ausgesetzte Eisflanke und dann über einen Grat, erreichten wir nach 2 h den Gipfel des Akioud 4.030m. Wir genossen einen gewaltigen Sonnenuntergang und erst mit dem letzten Tageslicht fuhren wir zurück zur Hütte.
Zu unserer Überraschung hattet sich mittlerweile die Hütte ziemlich gefüllt. Es war ein angenehmer Flair, welche die 150 Bergsteiger aus allen Teilen der Welt ausstrahlten. Auch Mohamed, der Hüttenwirt, und die Berber-köche hatten alles im Griff und wir fanden keinen Unterschied zu einer stark frequentierten Hütte in den Alpen. Am letzten Tag ging es zuerst 750 Hm über die 40 steile Clochetons Rinne auf die Scharte und dann über einen langen ausgesetzten Grat zur Afaella 4.043m. Teile des Grates mussten wir mit Fixseilen versichern. Nach einer rassigen Steilabfahrt blieb ein Teil der Gruppe auf der Hütte, um den Materialtransport zu organisie-ren und der andere Teil bezwang noch den 4.002 m hohen Biguinoussne.

Abfahrt durch die Clochetons Rinne

Nun folgte die Abfahrt bzw. der Abstieg in unseren Ausgangsort Imlil, wo wir in einer Alpenvereinshütte des Alpenvereins Casablanca nächtigten und uns von den täglichen 2000 Hm anstiegen erholten. Am anderen Morgen sattelten mit den uns bereits bekannten Trägern die Mulis, um in das 5 Gehstunden entfern-te Bergdorf wir Tacheddirt zu gelangen. Gnadenlos brannte die afrikanische Sonne auf uns hernieder und trotz Kälte in der Nacht stieg das Thermometer auf über 25 am Tag. Am frühen Nachmittag erreichten wir das auf 2.300m hoch gelegene Bergdorf, wo sich auch die kleine Alpen-vereinhütte der uns bereits bekannten Sektion befindet. Diesmal heißt unser Hüttenwirt Ali und als erstes zeigt er uns das Reservierungsfax über 8 Personen für Mr. Gudrun, was bei uns ein Schmunzeln erzeugte. Über die Sek-tion Casablanca hattet sie alle Hütten reserviert, wobei gute Französischkenntnisse Vorraussetzung waren. Als nächstes zeigt uns der Hüttenwirt das uns bereits bekannte Schreiben, dass man die heimischen Mulis zum Transport nehmen soll, bevor er uns die 8 Betten von den 16 möglichen zuteilte. Bei einem abendlichen Spaziergang genossen wir die grandiose Bergwelt, welche südseitig wüstenartig und nordseitig tief verschneid war. Wir stellten fest, dass eine fürchterliche Armut in dem Dorf herrscht. Die ca. 500 Bewohner leben nur von ein paar Schafen, Ziegen, Hühnern und wenigen Touristen, die sich hierher verirren. Es gab weder Strom, noch fließend Wasser.


Das Dorf Tacheddirt mit dem 3877m hohen Iguenouane


Pünktlich um 7:00 stand das von Ali bestellte Muli vor der Hütte, wir hatten es mit den Skien bepackt und ab ging es bis zur Schneegrenze. Von dort stiegen wir, mit den aufgefellten Skiern und vielen Spitzkehren durch das n`Lkemt Tal zum 3877m hohen Iguenouane. Weil wir uns die Gipfelnamen so schwer merken konnte, habe wir dies einfach Bayerisch ausgesprochen "I geh no oin. Zu unserem Erstaunen haben uns 3 Burschen aus dem Dorf begleitet, ausgerüstet mit einer uralten Ausrüstung. Der Rundblick und die Wärme am Gipfel waren so fantas-tisch und angenehm, dass wir sage und schreibe 3h auf dem Gipfel blieben. Es war damit der längste Gipfelauf-enthalt meines 32 jährigen Bergsteigerlebens. Wieder sind wir bei besten Afrikafirn Richtung Tal geschwungen. 200 Hm unter den Gipfel trauten wir unseren Augen nicht. Einer der morgendlichen Begleiter der bis auf dies Höhe kam, hatte eine kleine Schneebar aufge-baut und uns Cola und Fanta verkauft. Es war die einzige Verdienstmöglichkeit für Ihn, obwohl wir nur die ein-zige Gruppe in der Gegend waren. Am späten Nachmittag schauten wir uns im Dorf noch etwas um, verteilten Luftballons und Schokolade an die Kinder, was zu einer unglaublicher Freude bei den Kindern führte. Danach wurden wir noch bei einer Familie zum Tee eingeladen , dabei erfuhren wir viel über die Kultur des Volkes. Die Bewohner von Marokko sind zu 80% Berber aufgegliedert in 5 Dialekten. Berberisch ist ihre Muttersprache, dazu lernen sie in der Schule Mar-rok-Arbabisch und Französisch. Zu meiner Verwunderung kommt man auch mit Englisch gut zu recht. In der Bergregion hat jede Familie 6-8 Kinder und leben zusammen mit Eltern und Großeltern in einem aus Lehm gemauerten Haus, bestehend aus 2 Zimmer mit je 10 m². Am Abend genossen wir noch einen gewaltigen Sonneuntergang, bevor Ali zum Abendessen uns wieder ein hervorragendes Menü ( Tagine) servierte.
Zum Abschluss gehen wir noch auf den Tizi Likemt 3555m, weil es Sonntag ist und die Kinder schulfrei haben begleiten uns ca. 10 Kinder und 10 Erwachsene Richtung Gipfel, meist mit Gummistiefel welche mit Schnüren , Stricken, Bändern und Anderweitig mit dem meist abgebrochenen Skiern befestigt wurden. Zum Schluss befahren wir noch einen 1300 Hm hohen und 35 steilen Hang, welcher in der Literatur als der schönste Skihang des Hohen Atlas beschrieben wird. Unten angekommen warten schon unser 4 Mulis die unser Gepäck wieder zurück nach Imlil transportierten.


Abfahrt vom Tizi Likemt

Noch am selben Tag holt uns Hassan ab und wir fahren zurück nach Marrakesch. Dort gehen wir in ein Hamam. Ich glaube ich muss nicht beschreiben wie gut uns das nach dieser Woche getan hat. Am nächsten Tag fahren wir mit dem Kleinbus über einen 2500 m hohen Pass auf die Südseite des Hohen Atlas und besuch das Weltkulturerbe Ait-Ben-Haddou und die Filmstadt Quarzasate am Rande der Sahara.




Tags darauf geht es durch ständig wechselnde Landschaft von Wüste, Oasen, kleine Täler mit blühenden Man-delbäume und unterschiedlichste Felsformationen nach Tafraoute. Diese Gegend ist bekannt durch seine wunderschöne Felslandschaft und eigenartige Vegetation. Gudrun, Rainer und Helmut waren von der Landschaft und den Vollmond so begeistert, dass sie auf einen 200m hohen Granit-berg am Rand der kleinen Stadt mit Schafsack und Liegmatte trotz Hotel nächtigten. Bei Sonnenaufgang waren auch wir auf den Gipfel und genossen gemeinsam die ersten Sonnstrahlen und die grandiose Bergwelt. Einen ganzen Tag hatten wir uns für die Gegend Zeit genommen und machten eine wunderschöne Wanderung, durch Schluchten, Bergkämme, Gipfel und Täler. Palmen und Arganien ragten aus blühenden Ginsterwäldern.


Wanderung um Tafraoute

Am Abend fuhren wir noch weiter bis Tiznit. Die Stadt wird als Silberstadt bezeichnet, weil sich dort alles um das Silber dreht. Vom Bergbau über die Silbergewinne bis zur Schmuckherstellung und Verarbeitung. Ach wir haben für unsere Daheimgebliebenen eingekauft. Gegen Mittag erreichen wir das Naturschutzgebiet in Massa. Wir machen eine mehrstündige Wanderung durch die Flussmündung, bekannt als Vogelparadies, bis zum Atlantik. Ein Teil von uns läst sich nicht nehmen und springt bei 25C in das 18 kalte Wasser. Am Abend fahre wir noch über Agadir nach Essaouira. Gudrun ist bei der Hotelsuche übers Internet wieder ein Volltreffer gelungen. Mitten in der Medina hat Sie ein Hotel im Arabischen Still ausgesucht, dazu noch sehr preisgünstig. Auch hier ist die Altstadt mit einer 6 Km langen Mauer umzäunt. Jede Gasse ist von einen anderen Handwerk geprägt, dazu kommt noch ein malerischer Fischerhafen. Die Stadt zu besuchen ist ein Muss. Am vorletzten Tag geht es über Safi und Al Jadida zurück nach Casablanca. Nach 2 Wochen wolkenlosen Him-mel kam an diesen Tag Sturm und erste Wolken auf. Am letzten Tag besuchten wir noch die Hassan II Mosche, sie ist die drittgrößte der Welt und wurde von 1987 bis 1993 erbaut. Die Kosten schätzt man auf 3 Miliarden US $ und bietet Platz vor 26000 Gläubige. Die Mosche gilt als größtes kirchliches Bauwerk des letzten Jahrhundert. Beim Heimflug waren wir uns alle einig, wir waren nicht das letzte Mal im Land der Berber.

Bericht: Max Altmannshofer